Rostock, NNN vom 11.10.2006
Von Katharina Handy
Die Idee klingt unglaublich, könnte aber schon bald ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Mecklenburg-Vorpommern werden. Und eigentlich ist die Formel ganz einfach: Aus Roggen entstehen Papier und Dämmstoffe. Rest: Null.
Seit sechs Monaten arbeitet ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Innovationsforum daran, Wissenschaftler und Unternehmen aus den neuen Bundesländern so zu vernetzen, dass Getreidestärke vermehrt in der papierverarbeitenden und -veredelnden Industrie eingesetzt werden kann.
Ganz genau geht es um Pflanzen, die besonders stärkehaltig sind, wie Roggen und Gerste.
"Wir haben verschiedene Innovationsfelder zusammengeführt", sagt Katrin Petersen, diplomierte Agraringenieurin am AgroBiotechnikum in Groß Lüsewitz und Mitarbeiterin im Netzwerk BioCon Valley, welches das Forum koordiniert. Rund 80 000 Euro hatten die Netzwerkler zur Verfügung.
Besonders helle Körner gezüchtet
Experten verschiedener Gebiete vernetzt Als Ergebnis steht jetzt - noch in der Theorie - eine komplette Wertschöpfungskette. So haben Mitarbeiter der PZG Pflanzenzüchtung GmbH in Gülzow bei Güstrow eine Roggensorte mit besonders hellen Körnern gezüchtet - gut geeignet für die Verarbeitung in der Papierindustrie. Dazu passt auch, dass Roggen als anspruchslose Getreidepflanze auch auf sandigen Böden gut wächst. Grenzstandorte in MV erhalten so eine wichtige Bedeutung für das zukunftsträchtige Projekt.
In der Mühle C.F. Rolle GmbH im sächsischen Waldkirchen haben sich außerdem Spezialisten damit befasst, wie Nebenprodukte beim Mahlen weiterverwertet werden können. Aus Getreidekleie lassen sich nach neuesten Ideen nagerresistente Dämmstoffe oder Verpackungsmaterial herstellen.
Erste Verarbeitungsschritte nach MV holen
"Ziel war es auch, möglichst umweltschonende Verfahren einzubeziehen", erklärt Katrin Petersen. Die Markranstädter Ceresan GmbH bringt sich daher mit einem trockenchemischen Verfahren ein, bei dem Getreidemehl statt Stärke eingesetzt wird. "Traditionell wird die Stärke mit viel Wasser ausgewaschen, die Ceresan-Methode jedoch ist umweltfreundlicher."
Wenn das Projekt nach dieser Planungszeit auch die Pilotphase übersteht, sollen Fachkräfte in Mecklenburg-Vorpommern auch die ersten Schritte zur Papierverarbeitung und -veredelung übernehmen. "Bisher liefern wir nur die Rohstoffe und könnten sie in unseren Mühlen auch vermahlen. Das soll zukünftig anders werden", sagt Petersen. Heißt auch, dass mit den möglichen neuen Industrieansiedlungen neue Arbeitsplätze entstehen.
In drei bis fünf Jahren ist Verwertungskette getestet
"Zum Treffen gestern und heute kommen alle Züchter, Planer, Müller und Vertreter der Papierindustrie zusammen,
um über die Chancen und Risiken unserer Ergebnisse zu sprechen", so Katrin Petersen. Es wird sich aber noch zeigen, ob sich die Idee auch rentiert und wie günstig letztlich die Produkte aus Getreide sind. Heinrich Cuypers, Senior Projektmanager bei BioCon Valley, hofft, dass die Netzwerkler im kommenden Jahr mit einer Probeproduktion beginnen können. "Dann wird es weitere drei bis fünf Jahre dauern, bis wir die komplette Verwertungskette getestet haben", schätzt Cuypers.